Die Hornlosigkeit bei Rindern ist keine moderne Entwicklung, sondern seit Jahrtausenden bekannt. Bereits im alten Ägypten belegen archäologische Funde und Darstellungen das Vorhandensein genetisch hornloser Rinder. Auch germanische Stämme hielten hornlose Tiere, was sich bis ins Mittelalter und darüber hinaus nachweisen lässt. Der ursprüngliche Zweck der Hornlosigkeit lag vermutlich in der leichteren Handhabbarkeit der Tiere. Heutzutage erfolgt das Enthornen von Kälbern in den ersten Lebenswochen als Standardmaßnahme in konventionellen Betrieben. Diese Maßnahme dient dem Schutz von Menschen und Tieren, da Hornstöße erhebliche Verletzungen verursachen können. Trotz der inzwischen gesetzlich vorgeschriebenen Betäubung und Schmerzbehandlung bleibt das Enthornen für Landwirte zeitaufwendig und belastend. Daher wird die Hornloszucht zunehmend als tierfreundlichere und wirtschaftlich vorteilhaftere Alternative angesehen, da sie den Enthornungsprozess vollständig ersetzt und Arbeitszeit spart.
Hornlosigkeit in der weiblichen Holstein-Population. Datensatz: Weibliche Kälber aus KuhVision und Herdentypisierung im MASTERRIND Zuchtgebiet, ZWS 04/2023.
Die moderne Hornloszucht hat sich seit den 1990er Jahren stetig weiterentwickelt. Damals wurde erkannt, dass genetisch hornlose Tiere nicht nur das Tierwohl verbessern, sondern auch die Enthornung überflüssig machen. In den 2000er Jahren stieg die Nachfrage nach hornlosen Zuchttieren weiter an, insbesondere bei Milchrindern wie der Holstein-Rasse. Ein wichtiger Meilenstein war die „Düsseldorfer Erklärung“ von 2012, in der sich Vertreter aus Politik, Tierschutz und Rinderzuchtverbänden für eine verstärkte Zucht auf Hornlosigkeit aussprachen. Die praktische Umsetzung zeigt sich in der zunehmenden Verbreitung hornloser Kälber. Untersuchungen in Zuchtprogrammen wie KuhVision belegen, dass sich der Anteil hornloser weiblicher Tiere in den letzten 12 Jahren mehr als vervierfacht hat. Diese Entwicklung unterstreicht die zunehmende gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung der Hornloszucht.
Genetische Grundlagen
Die Hornlosigkeit bei Rindern wird durch ein genetisches Merkmal am sogenannten „polled“-Genort auf Chromosom 1 bestimmt. Das Gen besitzt zwei Allele: P für Hornlosigkeit (dominant) und p für Hörner (rezessiv). Tiere mit mindestens einem Hornlos-Gen (Genotyp Pp oder PP) sind phänotypisch hornlos, während nur Tiere mit zwei rezessiven Allelen (Genotyp pp) Hörner ausbilden. In den letzten Jahren konnten zwei genetische Varianten identifiziert werden, die für die Hornlosigkeit verantwortlich sind. Die keltische Variante tritt überwiegend bei Fleisch- und Zweinutzungsrassen auf, während die friesische Variante bei Milchrassen wie Holstein und Jersey verbreitet ist. Eine besondere Erscheinungsform ist das sogenannte Wackelhorn (Scurs), bei dem hornähnliche Auswüchse auftreten, die nicht fest mit dem Schädel verbunden sind. Diese Form tritt häufiger bei männlichen als bei weiblichen Tieren auf und wird stärker von der friesischen als von der keltischen Variante unterdrückt.
Vererbungsschema Hornlosigkeit
Anwendung in der Praxis
In der Praxis gibt es drei Strategien, um das Hornlosmerkmal in der Herde zu etablieren:
Einsatz von homozygot hornlosen Bullen ohne Genotypisierung:
Hierbei werden ausschließlich homozygot hornlose Bullen (PP) eingesetzt. Alle Nachkommen sind phänotypisch hornlos, doch der genaue Genotyp (Pp oder PP) der Tiere bleibt unbekannt. Diese Methode ist einfach umzusetzen, birgt jedoch das Risiko einer schleichenden Inzucht und Leistungseinbußen, da keine gezielte Zuchtauswahl erfolgt.
Wechselnde Anpaarung ohne Genotypisierung:
In dieser Strategie werden homozygot hornlose Bullen (PP) und gehörnte Bullen (pp) abwechselnd eingesetzt. In der ersten Generation (F1) entstehen zu 100 % hornlose Kälber (Pp). In der zweiten Generation (F2) können jedoch durch die Anpaarung mit gehörnten Bullen wieder bis zu 25 % gehörnte Tiere entstehen. Diese Methode ermöglicht eine breitere genetische Vielfalt, erfordert jedoch eine sorgfältige Zuchtplanung.
Gezielte Anpaarung mit Genotypisierung:
Durch die Genotypisierung der weiblichen Tiere lässt sich der Hornstatus exakt bestimmen. Mit einem Bullenanpaarungsprogramm können dann passende Bullen (homozygot, heterozygot oder gehörnt) ausgewählt werden, um gezielt hornlose Nachkommen zu produzieren. Diese Strategie bietet den größten Zuchtfortschritt, da sie Hornlosigkeit, Leistungsfähigkeit und genetische Vielfalt optimal kombiniert.
Fazit
Die Hornloszucht ist eine zukunftsorientierte Lösung, die das Tierwohl fördert, den Arbeitsaufwand reduziert und wirtschaftliche Vorteile bietet. Sie hat sich in den letzten Jahrzehnten als fester Bestandteil moderner Zuchtprogramme etabliert und wird durch technische Fortschritte wie die Genotypisierung weiter optimiert. Trotz der Herausforderungen bietet die Hornloszucht großes Potenzial, insbesondere wenn sie mit einer gezielten Zuchtstrategie kombiniert wird. Für Landwirte stellt sie eine nachhaltige Alternative dar, die sowohl ethische als auch wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt. Die weitere Forschung wird sich darauf konzentrieren, die genetische Vielfalt zu erweitern und die Leistungsfähigkeit hornloser Tiere zu verbessern.
MASTERRIND/SYNETICS setzt bei der Bullenauswahl seit Jahren auf möglichst breitgefächerte Pedigrees, die eine harmonische Balance der Zuchtwerte zwischen Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Langlebigkeit der Vererber ermöglichen.